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Tagungsbericht: 31. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung,
24.11.2017 – 26.11.2017 (Fortsetzung)

Am Freitagabend standen in einem Doppelvortrag von MATTHIAS DAUFRATSHOFER und MICHAEL PFISTER (beide Münster) zwei Jesuitenbiografien im Fokus, die aus unterschiedlichen theologiegeschichtlichen Perspektiven Rückschlüsse über das päpstlich-kuriale Agieren und lehramtliche Entscheidungen unter den Päpsten Pius XI. und Pius XII. ermöglichen. Michael Pfister präsentierte zunächst sein teilbiografisch-theologiegeschichtliches Dissertationsprojekt über den späteren Konzilsvater Augustin Bea (1881–1968), das sich seiner prägendsten Schaffensphase als Bibelexeget und Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts in den 1930er- und 1940er-Jahren widmet. Pfister fragte nach den Akzenten, die Bea in den zeitgenössischen römischen Debatten und Entscheidungen zur Bibelauslegung setzte. Diese lassen sich anhand der zentralen Tätigkeitsfelder des Jesuiten zwischen exegetischer Forschung, kurialer bzw. ordensinterner Buchzensur, römischer Wissenschafts- und Kirchenpolitik sowie der ignatianischen Spiritualität beleuchten und gewähren Einblicke in die römischen Diskurse zur Bibel nach Abebben der Hochphase des Antimodernismus.

Mit Hilfe der Werke von Franz Hürth SJ (1880–1963), Professor für Moraltheologie, Konsultor des Heiligen Offiziums und päpstlicher Berater, warf Matthias Daufratshofer in seinem Dissertationsprojekt einen Blick in die Schreibwerkstatt des päpstlichen Lehramts unter Pius XI. und Pius XII. Er rekonstruieret die kurialen – zum Teil informellen –Entscheidungsfindungsprozesse und die Genese moraltheologischer, kanonistischer sowie liturgischer päpstlicher Dokumente. Anhand der Entscheidung über die kirchenrechtliche Zulässigkeit der studentischen Bestimmungsmensur durch die Konzilskongregation (1925) verdeutlichte er exemplarisch sein Projektkonzept.

Den Samstag eröffnete JOHANNES KUBER (Aachen/Stuttgart). Kuber stellte sein Promotionsvorhaben vor, in dem er sich, gestützt auf hunderte „Einmarschberichte“ der Priester aus dem Erzbistum Freiburg und zahlreiche weitere Quellen aus hauptsächlich kirchlicher Provenienz, mit der Rolle und den Wahrnehmungen des katholischen Klerus in den letzten Kriegsmonaten und der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt. Er lenkt damit den Blick auf eine Gruppe, die in bisherigen Untersuchungen stets vom Fokus auf die bischöfliche Ebene überlagert wurde.

TATSUHITO ONO (Tokyo) sprach im Anschluss zum Thema „Katholiken und Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik Deutschland“. Durch die Analyse von Diskussion und Praxis der Wehrdienstverweigerung inner- und außerhalb der Kirche in den ersten dreißig Jahren der Bundesrepublik zeigte sich im Ergebnis, dass es bis zum Ende der 1970er-Jahre zu einer gewissen Linksorientierung vor allem junger Katholiken gekommen war. Ihre Verbände verselbstständigten sich gegenüber der Amtskirche zunehmend. Diesen Wandel interpretierte Ono als teils passive, teils aktive Aneignung gesamtgesellschaftlicher Trends wie Liberalisierung und Demokratisierung.

LARS SCHLARMANN (Duisburg-Essen) präsentierte danach sein Promotionsprojekt zum Deutschen Katecheten-Verein (DKV) und dessen Bedeutung für die liturgische Bildung zwischen 1945 und 1989. Neben einer institutionengeschichtlichen Aufarbeitung des DKV geht es in seiner Studie um die Entwicklung von Katechese und Liturgie vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels und religiöser Transformation. Exemplarisch stellte Schlarmann für die Jahre 1945 bis 1957 dar, wie sich der DKV mit seinem Einsatz für liturgische Bildung einem Dialog mit der Nachkriegsgesellschaft öffnete und – zu Beginn der 1950er-Jahre – erste Verquickungen von Katechese, Liturgie und Lebenswelt entstanden.

BRITT SCHLÜNZ (Berlin) nahm in ihrem Vortrag „Antonio María Claret und die stigmatisierte Sor Patrocinio zwischen Religion und Politik im Spanien des 19. Jahrhunderts“ Praktiken katholischer Frömmigkeit als politische Handlungsmöglichkeit in den Blick. Anhand zweier Fallbeispiele aus den 1830er- und 1840er-Jahren veranschaulichte sie das Konfliktpotenzial, welches dem religiösen Wirken beider Protagonisten aus dem Umfeld der spanischen Königin Isabella II. innewohnte: Den stigmatischen Wundmalen der Nonne und der Missionstätigkeit Antonio María Clarets wurde eine gesellschaftliche Wirkmächtigkeit zugesprochen, die die Zuständigkeitsbereiche des Religiösen und Politischen in Spanien in der Mitte des 19. Jahrhunderts neu verhandelten.

Der Vortrag von FLORIAN WARNSLOH (Paderborn) lautete „Katholische Predigt zwischen den Zeiten. Adolf Donders (1877–1944) als Theoretiker und Praktiker der Homilie“. Gegenstand von Warnslohs Dissertation ist der Münsteraner Homiletiker Adolf Donders. Die entstehende Arbeit analysiert, wie Adolf Donders sich in seinen Predigten zwischen Zeitabwehr und Zeitzutrauen positionierte. Zudem wird in den Blick genommen, welche Entwicklungen der Positionierung sich zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus in jenen ablesen lassen.

Zum Abschluss der Präsentation aktueller Forschungsprojekte erläuterte REBECCA SCHRÖDER (Freiburg) ihr Promotionsprojekt über einen Zeitgenossen Donders, nämlich den Freiburger Dogmatikprofessor und badischen Zentrumspolitiker Engelbert Krebs (1881–1950), der in der bisherigen Forschung ausschließlich als Persönlichkeit der Freiburger Universitäts- und Diözesangeschichte sowie der politischen Geschichte Badens Erwähnung gefunden hat. Im Mittelpunkt der Arbeit Schröders steht Krebs Engagement im Kulturbeirat des Auswärtigen Amtes und seine Weltreise von 1926, die ihn zu Vorträgen nach Nordamerika und Asien geführt hat und die im Zuge der Weimarer Kultur- und Wissenschaftspolitik gedeutet werden soll. Indem Krebs sowohl in nationale als auch internationale Zusammenhänge gestellt wird, sollen neue biografische Zuschreibungen generiert und Krebs als bekennender Europäer und Weltbürger vorgestellt werden.

Der Samstagabend widmete sich unter Moderation von MARKUS LENIGER (Schwerte) den Möglichkeiten und Mitteln medialer Biografieerzählung am Beispiel der aus den 1990er-Jahren stammenden ZDF-Serie „Vatikan. Die Macht der Päpste“. Anhand der Folge über den als „Pillen-Papst“ in Erinnerung gebliebenen Paul VI. (1963–1978) problematisierte das Plenum nicht nur die Darstellungsweisen eines ‚Dokutainments‘, sondern erkannte ebenso die Notwendigkeiten einer solchen medialen Aufbereitung an.

In der Generaldebatte am Sonntagvormittag ging es schließlich um den gegenwärtigen Stand (kirchen-)historischer Biografieforschung. Mit diesem Thema wurde ein höchst aktueller Trend der Geschichtsforschung aufgegriffen: Denn nachdem die Biografie als Genre in den letzten Jahrzehnten von struktur- und begriffsgeschichtlichen Analysen überlagert worden war, erfreut sich die historische Analyse von Lebensläufen seit einiger Zeit wieder neuer Beliebtheit, wie die am Tag zuvor vorgestellten Promotionsvorhaben eindrucksvoll bezeugten.

RENÉ SCHLOTT (Potsdam) behandelte in seinem Eröffnungsvortrag die medialen Ursprünge der Schlagworte von der Biografie als „Königsdisziplin“ und als „Bastard“ der Geschichtswissenschaft, insbesondere die damit verbundenen Erwartungen und Vorannahmen. Anhand von biografischen Neuerscheinungen verwies er auf aktuelle Erkenntnisse der Biografietheorie und der biografischen Methode. In diesem Zusammenhang stellte er das von Jörg Später in seiner Siegfried Kracauer-Biografie postulierte Konzept einer dreifachen „sozialen Biografie“ vor, die nicht nur die gesellschaftlichen Kontexte im Leben des Protagonisten in den Blick nimmt, sondern auch dessen soziale Lebensverhältnisse und seine Sozialkontakte dazu in Beziehung setzt.

Im Anschluss daran deklinierte NICOLE PRIESCHING (Paderborn) das Thema Biografie erfahrungsgeschichtlich am Beispiel der stigmatisierten Maria von Mörl (1812–1868) durch. Nachdem der theologiegeschichtliche Hintergrund zu den Auseinandersetzungen über Mystik und Aszese zu Beginn des 20. Jahrhunderts skizziert wurde, in dessen Kontext auch die Erfahrungsberichte von Mystikerinnen neu entdeckt wurden, machte Priesching den Unterschied zu einem wissenssoziologisch fundierten Erfahrungsbegriff deutlich, mit dem sie in ihrer Dissertation über Maria von Mörl gearbeitet hat. Schließlich ordnete sie den Wandel in den Bewertungen religiöser Erfahrung wiederum wissenssoziologisch und erfahrungsgeschichtlich ein.

REGINA HEYDER (Mainz) ging in ihrem Vortrag auf „Katholikinnen als Akteurinnen des Zweiten Vatikanischen Konzils“ näher ein und verfolgte damit nicht nur einen individual-, sondern auch kollektivbiografischen Ansatz, indem sie das Zweite Vatikanum (1962–1965) als Begegnungsort darstellte, der unter den unter anderem als Laienauditorinnen teilnehmenden Frauen einen ungemeinen Theologisierungsschub auslöste.

Die anschließende Diskussion fragte vor allem nach der Rolle des Subjektes innerhalb individueller Zeitkonstruktion. Diskutiert man Individualisierung und Subjektivierung als kennzeichnende Phänomene für eine reflexive Moderne, ist dann nicht die Biografieforschung ein, wenn nicht das adäquate Denkmodell unserer Zeit?

Der Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung wird sich auch im kommenden Jahr wieder zu seiner Jahrestagung zusammenfinden. Diese wird vom 23. bis 25. November 2018 in der Katholischen Akademie Schwerte stattfinden.

Erschienen auf:
Tagungsbericht: 31. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung, 24.11.2017 – 26.11.2017 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 18.01.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7504>.